Interview mit Søren Bom
"Weil es praktisch ist"
Kopenhagen gilt als die Fahrradhauptstadt weltweit. Der Fahrradbotschafter der dänischen Hauptstadt berichtet auf Kongressen und Konferenzen wie dem Zweiten Nationalen Radverkehrskongress über die Radverkehrsmaßnahmen der Stadt und warum die Kopenhagener gerne Rad fahren.
Frage: Wenn eine Stadt den Radverkehrsanteil auf ihren Straßen fördern möchte, mit was sollte sie beginnen?
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Søren Bom: Es kommt nicht so sehr darauf an, welche Bausteine eines Konzepts zuerst umgesetzt werden sollten, ob nun mehr Radwege gebaut oder Fahrradständer aufgestellt werden. Natürlich braucht man eine passende Infrastruktur, aber man darf das Thema Fahrrad nicht nur technisch sehen. Das wichtigste ist es, dem Fahrrad ein positives Image zu verleihen und zu vermitteln, dass es das beste Verkehrsmittel für den Alltag ist.
Wie war es in Kopenhagen, als die Stadt angefangen hatte, den Radverkehr gezielt zu fördern?
Kopenhagen hatte sich 2004 das Ziel gesetzt, die weltweit radfahrerfreundlichste Stadt zu werden. Zuerst hatten wir etwas Angst ausgelacht zu werden, wenn wir das so deutlich sagen. Aber die Bürger und die Presse haben gemerkt, dass wir es ernst meinen. Um das ernsthafte Engagement zu zeigen, braucht man eine gute Öffentlichkeitsarbeit und muss den Zeitungen passende Geschichten anbieten. Ganz konrekt zeigt man es, wenn man – wie in Kopenhagen – beispielsweise die Fahrradwege im Winter zuerst räumt.
Man muss also authentisch handeln.
Ja, die Fahrradziele passen auch zu der Vision Kopenhagens, eine der lebenswertesten Städte weltweit zu sein. Radfahren ist dabei ein wichtiger Baustein: es verbessert die allgemeine Gesundheit, schafft eine saubere Umwelt, erhöht die Verkehrssicherheit und verringert Staus.
Und aus welchen Gründen fahren die Kopenhagener Fahrrad?
Vor allem weil es praktisch ist. Auf die Frage, warum die Menschen Fahrrad fahren, gaben sie in einer Umfrage der Stadt 2010 am häufigsten an, weil es schneller (55 Prozent) und bequemer (33 Prozent) ist. Erst an dritter Stelle kommt die eigene Gesundheit (32 Prozent, und nur 9 Prozent der Bürger steigen aus Umwelt- und Klimaschutzgründen aufs Fahrrad.
In Kopenhagen gibt es derzeit einen Radverkehrsanteil von 35 Prozent bei den Fahrten zur Arbeit. Damit nimmt Kopenhagen weltweit eine Spitzenposition ein. Gibt es Ziele darüber hinaus?
Wir wollen 50 Prozent Radverkehrsanteil auf den Wegen zur Arbeit oder in die Schule bis 2015 schaffen, das ist natürlich weiterhin ein ambitioniertes Ziel. Wir haben uns aber auch vorgenommen, dass sich mehr Radfahrer sicher auf den Straßen fühlen. 2010 sagten dies 67 Prozent, 2015 sollen es 80 Prozent sein.
Gibt es eine natürliche Grenze eines erreichbaren Radverkehrsanteils?
Das ist schwierig zu sagen. Es gibt sicher welche bei bestimmten Zielgruppen, auf der anderen Seite kommen in Kopenhagen 88 Prozent aller Studenten mit dem Fahrrad zur Uni.
In Kopenhagen werden nicht nur die Radwege im Winter als erstes geräumt, die Stadt hat die Infrastruktur für Radfahrer stark ausgebaut, beispielsweise mit Schnellradwegen, eigenen Spuren auf der Fahrbahn und vorgezogenen Halteflächen an Ampeln. Wie machen sich die Effekte bemerkbar?
Das Verkehrsministerium erhebt regelmäßig eine Kosten-Nutzen-Analyse in Bezug auf Gesundheitskosten und Kosten für Unfälle. Der Analyse zufolge bringt jeder gefahrende Kilometer mit dem Fahrrad einen sozialen Nettoertrag von 1,22 Dänischen Kronen (etwa 0,16 Euro). Im Vergleich: Jeder Autokilometer bedeutet einen Nettoverlust von 0,69 Dänischen Kronen (etwa 9 Euro-Cent).
Zudem rechnen sich Investitionen in die Infrastruktur besser. Die Kopenhagener Fahrradstudie von 2010 zeigt, dass der wirtschaftliche Nutzen der 2006 gebauten Brygge-Brücke über den Hafen die Kosten für den Bau und Unterhalt weit übersteigt. Die 9.000 Radfahrer, die die Brücke täglich passieren, sparen zwölf Minuten Fahrzeit, verglichen mit der Situation vorher. Damit sinkt auch das Risiko für Unfälle, und die Zeitersparnis hat mehr Menschen zum Fahrradfahren gebracht. Dies bringt der Gesellschaft einen Nutzen von umgerechnet 93 Millionen Dänischen Kronen.
Wie haben sich die Unfallzahlen denn entwickelt?
Von 1996 bis bis 2008 haben sich die Unfälle mit Schwerverletzten beispielsweise halbiert. Einen großen Effekt hatten die Halteflächen für Radfahrer vor Ampeln. Ich verstehe nicht, warum so eine einfache Maßnahme nicht zur europäischen Norm wird.
Die Fragen stellte Carsten Schabacher.










