Velo-city Global 2010: Von den Dänen lernen
Datum: 25. Juni 2010 // Kategorie: Verkehr und Recht
An ihrem vorletzten Tag wurde die „globale“ Velo-city wieder ganz „lokal“: Die Fahrrad-Experten aus aller Welt trafen dänische Fahrrad-Enthusiasten und Kreative. Viel Gelegenheit für Ideen-Austausch, am Konferenztisch – und vor allem auf der Straße: Bei Exkursionen in die Kopenhagener Innenstadt oder bei einer ganz entspannten Fahrrad-Demo. Aus Kopenhagen berichtet Christoph Rasch.
„Ist Radfahren etwas für Geringverdiener?“ Wie in einer Quizshow hält Anette Enemark eine bunte Tafel in ihr Publikum – und klebt kurz darauf einen Sticker mit der Antwort darauf: „Nein – bei jeder vierten Fahrradfahrt in Kopenhagen ist ein Geschäftsmann oder Banker im Sattel.“ Anette Enemark von der Kopenhagener Beratungsagentur Tetraplan hat offizielle Statistiken spielerisch aufbereitet – und räumt so auf, mit den „Mythen“ des Radverkehrs in Dänemark.
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| Treffpunkt am Ballon: 60 dänische Experten stellten ihre Projekte im Minutentakt vor. (Foto: ADFC/K. Klama) |
Das Quiz-Spiel mit politischem Aha-Effekt ist an diesem Nachmittag nur eines von fast 70 Projekten, die sich in der Haupthalle der Velo-city präsentierten. „Trefft die Dänen“ – „Meet the Danes“ – war das Motto: Die Delegierten aus 60 Ländern sollten von ihren Gastgebern lernen, wie diese den Radverkehr in Dänemark voranbringen. Das war extrem vielfältig – und oft sehr kreativ: Hier die Aktion für mehr Sicherheit, bei der Verkehrspolizisten angehaltene Radfahrer liebevoll umarmen, bevor sie ihnen einen Fahrradhelm schenken – und dort die speziellen Komfort-Räder, die kränkelnden Menschen schmerzfreies Radfahren erlauben. „Meet the Danes“ war ein gelungener Überblick über das, was derzeit in der dänischen Fahrrad-Szene, -Forschung und -Politik passiert.
Fahrrad-Parker als politische Provokation
Doch nicht nur hier konnten sich die Velo-city-Besucher ein Bild davon machen, warum gerade im Gastgeberland Dänemark – und besonders in Kopenhagen – das Velo so erfolgreich ist. Zahlreiche Teilnehmer nutzten den sonnigen Donnerstag für eine der zahlreichen Stadt-Exkursionen, die das Konferenz-Programm begleiten.
Dort trafen sie etwa auf grüne Radrouten, Schnellwege für eilige Pendler oder elektronische Velo-Zähler. Und nicht zuletzt auf ein knallrosa Plastik-Ungetüm in Form eines Autos – aufklappbar, innen hohl, mit Platz für vier sperrige Lasten-Fahrräder. Ein Modellprojekt, das abschließbare Stellplätze für die beliebten Cargo-Bikes bietet – und gleichzeitig zeigt, wie verschwenderisch Automobile den kostbaren Raum der Innenstädte beanspruchen.
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| Pilotprojekt: Pinker Parkplatz für vier Lastenfahrräder. Mehr als 15.000 dieser Cargo-Bikes sorgen in Kopenhagen für Parkdruck. (Foto: ADFC/K. Klama) |
Diese pinke Provokation passt ins politische Bild: „Wir wollen die Autofahrer künftig noch stärker zugunsten des Fahrrads in die Pflicht nehmen“, sagt Bo Asmus Kjeldgaard, Kopenhagens Bürgermeister für Umweltaufgaben. „Wenn sich die politischen Parteien einigen, kann ich mir dabei durchaus auch höhere Gebühren für die Parkraum- oder eine Maut für die Straßenbenutzung per Auto vorstellen“, so Kjeldgaard im Exklusiv-Interview, das ausführlich in der kommenden Ausgabe der Radwelt nachzulesen ist.
Ein Höhepunkt: Die Fahrraddemo mit Musik
Und so manch ein Autofahrer musste bereits am Abend des dritten Konferenztages zurückstecken – und längere Wartezeiten in Kauf nehmen. Grund war die „Cykelparade“, die traditionelle Fahrrad-Demo im Rahmen der Velo-city, die mit vielen hundert Teilnehmern in weitem Bogen die Kopenhagener Innenstadt umrundete, freudig begleitet von einheimischen Radfahrern und winkenden Passanten am Straßenrand.
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| Startschuss: Bürgermeister Bo Asmus Kjeldgaard (l.), ECF-Präsident Manfred Neun (3. v. l.) und ECF-Generalsekretär Bernhard Ensink (r.) eröffnen die Parade durch Kopenhagen. (Foto: ADFC/K. Klama) |
Bei bestem Wetter geriet der Fahrradkorso – sicherlich einer der Höhepunkte dieser Velo-city – zu einer höchst entspannten Angelegenheit in langsamem Tempo. Ideal, damit die Konferenzteilnehmer während der Fahrt ins Gespräch kommen konnten. So etwa mit den vielen Kopenhagener Rad-Enthusiasten, von der jugendlichen Rennsport-Gruppe bis zu Bands, die während der Fahrt von den Ladeflächen ihrer Cargo-Bikes herunter musizierten. „Schon das verbreitete eine einzigartige Atmosphäre“, schwärmt Velo-city-Teilnehmerin Merja Spott vom ADFC Hamburg – und meint: „Musiker im Lastenrad, das wäre auch eine Idee für unsere eigenen Fahrrad-Sternfahrten.“
Ideen und Inspirationen wie diese gab es viele am vorletzten Tag der Kopenhagener Konferenz: Oft schwang dabei die lockere Selbstverständlichkeit mit, das Undogmatische, das – zusammen mit klaren Zielen der Politik – die dänische Fahrradkultur auszeichnet.
Weiterführende Links
» Alle Artikel zur Velo-City Global 2010» Offizielle Website zur Velo-city Global 2010





