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Entspannung pur: Bahntrassenradeln

Tunnel auf der Bahntrasse

Alte Bahntrassen sind ein Weg in die Kultur- und Industriegeschichte: In teils schwindelerregender Höhe überqueren sie architektonisch faszinierende Viadukte, passieren dunkle Tunnel und unberührte Natur. Bahntrassen haben Charme. Und viele, auf denen schon seit Jahrzehnten keine Züge mehr fahren, wurden zu Radwegen umfunktioniert.

Radtouren auf Bahntrassen erfreuen sich immer größerer Beliebtheit, denn aufgrund ihrer Bauweise sind sie perfekt für Genussradler geeignet, die abseits vom Autoverkehr faszinierende Aussichten entdecken wollen. Ein Blick in die Geschichte verrät, warum das Bahntrassenradeln ein stets entspannendes Erlebnis ist: Mitte des 19. Jahrhunderts hielt in Deutschland das Eisenbahnzeitalter Einzug. Ingenieure bauten Tunnel, Viadukte und Brücken, auf denen die schweren Eisenbahnwaggons vor allem in hügeligen Regionen tiefe Täler und steile Berge überwinden konnten. Bis heute gelten die Bauten als architektonische Meisterleistungen und prägen das Landschaftsbild vieler Gegenden.

In den vergangenen Jahrzehnten wurden zahlreiche Bahnstrecken stillgelegt. Für Fahrradfreunde eröffneten sich damit neue Perspektiven, denn statt der ungenutzten Schienen können auf den Trassen mit wenig Aufwand hochwertige Radwege angelegt werden, die sich die Einschränkungen zunutze machen, denen der Schienenverkehr von damals unterworfen war.

 


Familienkompatibel

Die schweren Züge, die noch vor einigen Jahren in den Schienen rollten, konnten nur geringe Steigungen bezwingen - selten über 2,5 Prozent. Doch dank der Viadukte, Tunnel und Brücken war es für die alten Dampfrösser trotzdem möglich, durch hügelige Landschaften wie das Mittelgebirge zu fahren. Genau diese Bauweise ist es, die Bahntrassen für Radfahrer so reizvoll macht, denn sie haben die Gewissheit, dass die Freude am Radfahren nicht durch steile Anstiege getrübt wird. Bahntrassen-Radwege sind deshalb vor allem für Familien und Kinder attraktiv – auch, weil sie dank der Tunnel und Brücken Straßenkreuzungen mit starkem Verkehr umgehen. Darüber hinaus sind die Wege meistens asphaltiert und in aller Regel mindestens 2,5 Meter breit. Sicherheit und Komfort sind auf Bahntrassen-Radwegen also garantiert.

Knapp 500 Routen in ganz Deutschland machen das Radfahren auf ehemaligen Schienenstrecken möglich. Dabei können die Bahntrassen auch landschaftlich überzeugen: Sie schlängeln sich meist auf langen Abschnitten durch unberührte Landschaft. Brücken und Viadukte geben den Blick frei auf grüne Täler, idyllisch gelegene Ortschaften und die Kulturgeschichte der Region. So wie im Ruhrgebiet: Hochöfen, Gasometer, Fördertürme oder Zechensiedlungen erinnern hier an die Hochzeit der Industrie. Die Route der Industriekultur per Rad verbindet auf etwa 700 Kilometern die beiden Hauptrouten Emscher Park Radweg und Rundkurs Ruhrgebiet mit anderen Radwegen, die zum Teil auf ehemaligen Bahntrassen verlaufen. Der Abschnitt der Erzbahntrasse ist der wohl spektakulärste Bahntrassen-Radweg in diesem Netz: Sie führt auf neun Kilometern und einem 15 Meter hohen Damm mit markanten Brücken von der Jahrhunderthalle in Bochum nach Gelsenkirchen.

ADFC-Tourenportal

Im ADFC-Tourenportal stehen aktuell folgende Bahntrassen-Radwege zum Download bereit: Erzbahntrasse, Vulkan-Radweg, Rügensche Kleinbahn und Maare-Mosel-Radweg. Einfach anmelden, Tourennamen eingeben und die Touren als pdf-Dokument herunterladen!

www.adfc-tourenportal.de

Der BahnRadweg Hessen wurde aus mehreren Bahntrassenwegen zusammengestellt. So gelangen Radreisende über 245 Kilometer vom Start in Hanau bis nach Bad Hersfeld, durchqueren dabei die Rhön und bekommen auch etwas vom Freistaat Thüringen zu sehen.

Kleiner, aber dennoch fein ist die Bahntrasse in Bremen: Zwischen dem Stadtstaat und dem außerhalb gelegenen Lilienthal verkehrte bis 1956 die Kleinbahn „Jan Reiners“. Heute verläuft hier ein Radweg. Viele, die zwischen Lilienthal und Bremen pendeln, nutzen die Strecke im Alltag. Durch das Naturschutzgebiet Holler Land und eine wunderbare, von Bäumen gesäumte norddeutsche Wiesenlandschaft geht es bis ins Stadtzentrum. Doch auch Freizeitfahrer kommen auf ihre Kosten: An der Strecke liegt ein Freibad, und in Lilienthal kann man das Rad gegen Paddel und Kanu eintauschen.

Für längere Touren eignet sich der Maare-Mosel-Radweg in der Eifel: Auf 51 Kilometern verbindet der Bahntrassenradweg die Vulkaneifel mit dem Moselgebiet. Die romantische Strecke führt über Viadukte, Brücken, durch ehemalige Eisenbahntunnel und eine abwechslungsreiche Landschaft. Auf den zwölf sogenannten Erlebnisschleifen warten viele Sehenswürdigkeiten und Einkehrmöglichkeiten auf die Bahntrassenradler.

Der 38 Kilometer lange Schinderhannes-Radweg verläuft durch die wunderschöne Landschaft des Hunsrücks. Die panoramaartige Routenführung beginnt in Emmelshausen und verläuft fernab von verkehrsreichen Straßen über Kastellaun nach Simmern. Reizvoll ist auch der knapp 50 Kilometer lange Ruwer-Hochwald-Radweg von Ruwer nach Hermeskeil. Er verläuft  auf der Strecke der ehemaligen Ruwer-Bahn. Der überwiegend durch Wald führende Weg lässt den Radfahrer die wunderschöne Landschaft der beiden Regionen Hunsrück und Mosel genießen. Informationen zu beiden Radwegen gibt es unter: www.radwanderland.info.

Ein etwas anderes Konzept verfolgen die drei BahnRadrouten Teuto-Senne, Hellweg-Weser und Weser-Lippe. Die Routen verlaufen nicht auf ehemaligen Bahntrassen, sondern neben noch aktiven Bahnstrecken. Das kombiniert die Vorteile der autofreien und steigungsarmen Trassen mit den Möglichkeit, jederzeit in die Bahn umzusteigen, um abzukürzen oder zum Ausgangspunkt zurückzukehren.

 

 


Bahntrassen-Radwege – Wo sind sie?


Viele ehemalige Bahnstrecken sind bereits zu Radwegen umgebaut worden. Doch spezifische Reiseführer oder Fahrradkarten zum Thema Bahntrassen-Radwege sind nach wie vor selten. Achim Bartoschek ist mit seiner privaten Internetseite www.bahntrassenradeln.de ein Pionier. Der Rheinländer stellt hier mehr als 500 Bahntrassen-Radwege in Deutschland, Europa und Übersee vor, die meisten hat Bartoschek selber befahren. 2001 fing er an, die Bahntrassen mit Wegebeschreibungen, Fotos und Karten online zu stellen. Anfangs waren es 30, heute finden sich auf www.bahntrassenradeln.de über 500 bestehende Radwege sowie 80 geplante. Bartoschek wünscht sich, dass die Bahntrassen komplett ins Radwegenetz eingebunden und kenntlich gemacht werden. Seine Favoriten verrät er in unserer Übersicht (hier klicken).

Vereinzelt liegen Schienen noch ungenutzt in der Landschaft. Schade, denn für den Umbau gibt der Staat Geld. Vielfach haben Bürgerinitiativen dafür gesorgt, dass aus vergessenen Gleisen belebte Radwege werden konnten. Und in vielen Bundesländern gibt es Bestrebungen, aus den letzten ungenutzten Bahnstrecken Radwege zu machen. Gut für alle, die ganz entspannt Deutschland per Rad entdecken wollen.

Mit der Draisine unterwegs

Stillgelegte Bahntrassen überzeugen nicht nur als hochwertige Radwege – mit Draisinen werden sie zu einem touristischen Anziehungspunkt der etwas anderen Art. Dabei kommen auf mittlerweile über 25 Strecken in Deutschland verschiedene Fahrzeuge zum Einsatz: Hebeldraisinen lassen sich mit der Kraft der eigenen Arme ins Rollen bringen, während Fahrraddraisinen bei gemütlichem Tempo Tritt für Tritt über die Schienen bewegt werden. Längste Draisinenstrecke Deutschlands ist die 40,5 Kilometer lange Verbindung zwischen Jüterbog und Zossen, nur einen halben Kilometer kürzer ist die Draisinenstrecke im pfälzischen Naheland, die mit einer Fahrradtour auf dem Glan-Blies-Radweg kombiniert werden kann. Eine Übersicht über Deutschlands Draisinenstrecken ist auf der Bahntrassen-Website von Achim Bartoschek zu finden.

Literatur

Peter Günther: RailTrails – Die schönsten Radwege auf ehemaligen Bahntrassen. Von der Vulkaneifel bis zu den Alpen, 40 Radwege, 19,95 Euro, Bruckmann Verlag, ISBN 978-3-7654-4604-1


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