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20 Jahre Mauerfall

Graue Grenze – Grünes Band

Grünes Band Grenzstein quer

Nichts ist auf ewig in Beton gemeißelt, auch nicht der 1.393 Kilometer lange, 50 bis 200 Meter breite „Todesstreifen". Er reichte von der Ostsee bis ins Vogtland und an die Grenze zu Tschechien - und es hat sich hier viel schützenswertes Leben angesiedelt. Als vor 20 Jahren der Eiserne Vorhang fiel, gab er auch den Blick auf den längsten Biotopverbund des nun ungeteilten Deutschlands frei.

Drei Modellregionen haben sich dem Grünen Band besonders verschrieben: das Elbe-Altmark-Wendland, der Harz und der Thüringer Wald gemeinsam mit dem Frankenwald. Christa Velten, Geschäftsführerin Regionalverbund Thüringer Wald und Stefan Fredlmeier, Geschäftsführer Frankenwald Tourismus, wissen: „Das Grüne Band ist ein nationales Naturerbe, das erst im Schatten der Sperranlagen der ehemaligen innerdeutschen Grenze entstehen konnte. Ein überaus schützenswerter Naturraum und der historische Boden geben sich hier sinnbildlich die Hand."

Beide wollen durch eine sanfte Tourismusentwicklung den Bekanntheitsgrad des Grünen Bands steigern und gleichzeitig dazu beitragen, dass dieses Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte nicht vergessen wird. Dafür haben sie vielseitige Angebote entwickelt, die 20 Jahre nach dem Mauerfall den Nerv eines interessierten Publikums treffen. „Gleichzeitig schlagen wir weitere Brücken zwischen Thüringen und Franken. Niemals zuvor war die Zusammenarbeit so intensiv, so konstruktiv und so selbstverständlich wie seit dem Start unseres gemeinsamen Projektes", sagen sie unisono.
Der Brückenschlag gelingt mit drei aufschlussreichen Radtouren: „Auf den Spuren des erwürgten Mockerls" (Tour 13), „Durch den idyllischen Franken(ur)wald" (Tour 14) und „Auf Zeitreise nach Little Berlin" (Tour 15). Die Tour 13 folgt der einstigen Trasse des Tettauer Mockerls. Hier trifft man bei Heinersdorf auf einen 50 Meter langen Mauerrest aus Beton (siehe Radwelt 04/08). Ein Gedenkstein weist auf die Grenzöffnung und den 9. November 1989 hin. Das Tettauer Mockerl selbst hatte auch unter der Grenze zu leiden: Die Grenze durchschnitt an 14 Stellen die nur 17 Kilometer lange Trasse der Bahn.

Grünes Band Schiefermuseum
 

Grenzgänger. Geschichte und Geschichten von Menschen und Teilung erfährt man auch auf Tour 14. Vom Bahnhof Steinbach am Wald geht es den Rennsteig-Radweg entlang. Ein Abstecher zum Schönwappenweg stimmt mit seinen wappenverzierten Grenzsteinen aus verschiedenen Epochen auf Grenzgeschichten aus jüngerer Zeit ein, wie die von Günter Hoderlein aus Reichenbach. Sie beginnt im Schieferpark in Lehesten. Mehr als 700 Jahre baute man hier Schiefer ab. Bis zu 2.000 Menschen schufteten im Tagebau für karge Löhne, und viele von ihnen holten sich eine Staublunge. „Bevor Busse eingesetzt wurden, lief man auf dem Bruchsteig hierher oder man fuhr mit der Karbidlampe am Lenker mit dem Rad", sagt Günter Hoderlein. Er war Grenzgänger und Gastarbeiter: „Fachleute aus der BRD, beispielsweise aus Reichenbach, die in der DDR in Lehesten im Schieferbergbau fehlten, durften hier arbeiten und den Sozialismus mit aufbauen", erzählt er. Von 1957 bis 1961 bestand das Loch im Eisernen Vorhang, dann wurde es plötzlich gestopft. „Nach dem Mauerbau gab es Angebote nach Lehesten überzusiedeln, doch das wollte keiner der westdeutschen Arbeiter", sagt Hoderlein.

Veronika Beuche führt uns durch das Technische Denkmal „Historischer Schieferbergbau Lehesten" und erklärt die Anlage. Dann spaltet und schneidet sie Schiefer für uns - die Staubmengen sind gewaltig und zeigen, welche Gesundheitsschäden die Folge sein könnten. Was man allerdings aus Dach- und Wandschiefer alles machen kann, lässt im Modelldorf staunen. Und auch die kunstvoll verzierten Wände und Dächer der Schieferdörfer längs des Radwegs lassen einem den Mund offen stehen.

Mahnmale. Der Gegensatz ist der Bunker, den wir am Rennsteig-Radweg entdecken. Heute bietet er Wanderern und Radfahrern Schutz vor Wind und Wetter. Steil geht es hinauf auf den 792 Meter hohen Wetzstein und zum Altvaterturm. Ihn haben vertriebene Sudetendeutsche errichtet. „Er ist nicht nur ein markanter Aussichtsturm, sondern auch ein geschichtliches Zeugnis", sagt Turmführer Willi Rimpl. In der Kapelle finden sich Tafeln mit Ortsnamen der ehemaligen deutschen Siedlungen im Altvatergebirge. Votivkacheln auf dem Weg zur Aussichtsplattform tragen die Namen der Siedler. Der Turm soll ein Mahnmal gegen Gewalt und Vertreibung sein und offenbart zudem einen rund 50 Kilometer weit reichenden Blick auf das Grüne Band.

Gelbe Schwaden von Fichtenblütenstaub wabern im Sommerdunst über die bewaldeten Berge. Wir gönnen uns eine „Roster", eine Thüringer Rostbratwurst, dazu ein Radler, auf dessen Etikett der Rennsteigradweg abgebildet ist. Dann fahren wir weiter durch dunklen Tann auf einem beeindruckend gut ausgebauten Weg. „Hier fuhren früher die bayerischen Grenzpolizisten" - Werner Rost hat als radelnder Reporter die Region gründlich erforscht. Wir sind also wieder in Franken. Rechts erhebt sich der Kulmberg mit seinem ursprünglichen Mischwald, der dieser Tour den Namen „Durch den idyllischen Franken(ur)wald" gab. Statt Fichten-Monokulturen bietet der Laubholz-Mischwald als europäisches Vogelschutzgebiet Platz für Schwarzstörche und Uhus.

Grünes Band Landschaft
 

Wo einst scharf geschossen wurde, ist viel Leben: Im vorgelagerten Hoheitsgebiet der DDR fanden um die 600 bedrohte Pflanzen- und Tierarten wie Haselhühner, Schwarz- und Grauspechte einen Lebensraum. Das erfahren wir auf dem Handy. Die Tourismusorganisationen vom Franken- und vom Thüringer Wald haben sogenannte Audiotouren entworfen. Per Handy oder MP3-Player können Radwanderer an ausgewählten Punkten für zwei bis drei Minuten Spannendes aus Natur und Geschichte erfahren oder Zeitzeugen aus der Region lauschen.
Die Urwald-Tour endet in Bad Steben, wo abends die Therme mit ihren Wasserwelten und dem Saunaland, zwei Solebecken, einem Wasserfall-Eck und einem Maulaffenbecken auf die Radlerwaden wartet. Das angeschlossene Restaurant lockt mit „Frankenwaldküche natürlich regional".

Sprechende Steine. Geschichte zum Anfassen gibt es auf Tour 15. Start ist am Bahnhof Hof, wo 1989 die Züge mit DDR-Flüchtlingen aus der Prager Botschaft eintrafen. An der Saale wartet der Fernwehpark mit Schildern aus aller Welt auf uns, doch wir folgen nicht denen Richtung Rhodos, sondern denen des Saale-Radwegs und schließlich der „Grenztour HO 8" nach Sachsen, wo ehemalige DDR-Wachtürme emporragen. Auf dem Kolonnenweg rattern wir dahin. Der Betonplattenweg lässt die Knochen die Grenze bis zum Drei-Freistaaten-Stein kräftig spüren. Sachsen, Thüringen und Bayern treffen hier aneinander.

Aussagekräftigster Punkt der Tour ist Mödlareuth, das die US-Amerikaner „Little Berlin" nannten. Mödlareuth war geteilt wie die heutige Hauptstadt. Das Deutsch-Deutsche Museum stellt die Geschichte des 50-Seelen-Ortes anschaulich vor. Die Mauer verlief mitten durchs Dorf. Der thüringische Teil wurde der DDR und der bayerische der BRD zugeschlagen und die Grenze besonders stark bewacht. Fotos von Menschen, Teilung und Wiedervereinigung berühren, noch mehr aber die Menschen, die ihr Leben erzählen. Das ist Geschichte zum Anfassen. Auch die original erhalten gebliebene Betonsperrmauer im Freigelände, den Metallgitterzaun und den Beobachtungsturm darf man berühren.

Grünes Band Mauerrest
 

„Eine Zeit lang konnte man hier noch problemlos über die Grenze. Am 26. Mai 1952 wurde der kleine Grenzverkehr plötzlich über Nacht außer Kraft gesetzt", sagt Museumsleiter Robert Lebegern. Kleine Dramen spielten sich ab: Bauern hatten plötzlich keine Felder mehr zum Bestellen und Ernten. Ein Schüler bekam kein Abschlusszeugnis, da er seine Schule nicht mehr besuchen konnte. „Zunächst gab es nur einen Bretterzaun, dann kam ein Stacheldrahtzaun hinzu. 1966 wurde eine 700 Meter lange Betonmauer quer durch die Ortsmitte gezogen", sagt Lebegern. In der Kneipe „Zum Grenzgänger" versuchen wir, die Bilder und Eindrücke zu verdauen.

Dann fahren wir über Hirschberg weiter nach Blankenstein ans Ufer der Selbitz, die einst die Grenze bildete. Eine hölzerne Tafel mahnt: „Vergessen wir nicht!". Andere Schilder verweisen auf den Rennsteig, der hier beginnt beziehungsweise endet. Viele Wanderer lassen ihre Wanderschuhe an den Schildern hängen, wir wollen in Zukunft Fahrradschläuche dazu tun und biegen ein ins gar nicht höllische Höllental. Die Höllentalbahn musste 1945 wegen der Grenzziehung ihren Betrieb einstellen. Eine Dampfspeicherlok und einige Waggons sind am Wegesrand zurückgeblieben. Im Infozentrum des Naturparks Frankenwald im einstigen Bahnhof befindet sich ein Modell der Bahn. Früher konnte man mit ihr bis Bad Steben zuckeln.
Doch das ist Geschichte. Wir nehmen das Rad.
Judith Weibrecht

Das Grüne Band international und Berliner Mauerradweg
Das deutsche Grüne Band steht auch für eine europäische Vision: Das Grüne Band soll sich vom Eismeer bis ans Schwarze Meer durch 23 Staaten ziehen.
Der Europaparlamentarier Michael Cramer hat den Bikeline-Radführer „Deutsch-Deutscher Radweg" geschrieben (Esterbauer, ISBN 978-3-85000-220-2, 12,90 Euro) und bietet geführte Touren auf dem Mauerradweg in Berlin an (Termine auf www.michaelcramer.eu unter Berliner Mauerradweg). 20 Jahre Mauerfall ist auch ein Thema beim ADFC Berlin, der mehrere Mauertouren anbietet, auf denen die Geschichte und neue Einheit erfahren werden kann. Die Touren entlang der ehemaligen Mauer wie „Spurensuche entlang der Mauer", „Mauer Südost", „Auf dem nordöstlichen Mauerweg" oder „Mauer im Süden" und rund 600 andere Touren finden sich im Radtourenprogramm 2009 des ADFC Berlin. Auf www.radtourenprogramm.com können sich Radfahrer ihr individuelles Profil zusammenstellen und passende Touren anzeigen lassen oder sich anmelden. „Rad&Touren" gibt es als Broschüre beim ADFC Berlin, Brunnenstraße 28, 10119 Berlin, Tel.: 030/448 47 24.

Mehr zum Grünen Band auf www.adfc.de/6776_1. Weitere Links: www.erlebnisgruenesband.de , www.gruenesband.info, www.greenbelteurope.eu und www.naturathlon.eu.

Infos zu den beschriebenen Touren
Die Tourismusverbände Franken- und Thüringerwald haben den Tourenführer „Erlebnis Grünes Band" zusammengestellt. Er beschreibt die Touren und Pauschalangebote wie einen Ausflug auf den einstigen Fluchtwegen oder das Angebot, Brücken zu bauen und Grenzen zu überwinden für Eltern und Kinder und vieles mehr.
Die beschriebenen Audiodateien lassen sich unter www.gruenesband.tomis.mobi herunterladen. An einigen Infopunkten auf den Strecken stehen auch Selbstbedienungsterminals oder können MP3-Player ausgeliehen werden. Per Handy wählt man einfach an den Tomis-Punkten jeweils die Tel.: 0911/810 94 00 45 + die Zahl des angegebenen Infopunkts (wie Anruf ins dt. Festnetz).

Mehr Infos bieten:
Frankenwald Tourismus Service Center, Adolf-Kolping-Straße 1, 96317 Kronach, Tel.: 09261/60 15 17, E-Mail: mail@frankenwald-tourismus , www.frankenwald-tourismus.de und der Reginalverbund Thüringer Wald e. V., Krankenhausstraße 12, 98693 Ilmenau, Tel.: 03677/68 99 60, E-Mail: info@thueringer-wald.com, www.thueringer-wald.com

Weitere Informationen zu dieser Route:

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