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Havel-Radweg

Preußischer Schlösserpark

Fluss und Fahrradweg in satter Landschaft mit reichlich preußischen Hinterlassenschaften: Die Havel fließt durch eine schlösserreiche Gegend.

Und sie fließt gemächlich dahin. Genauso gemächlich rollen wir an den Ufern der Havel am durchgängig ausgeschilderten, 2009 eingeweihten Radweg dahin. Quelle und Mündung der Havel liegen nahe beieinander, der Fluss beschreibt einen nach Osten geschwungenen Bogen. Der Havel-Radweg schlängelt sich vom Quellgebiet in der Mecklenburgischen Seenplatte bis zur Mündung in die Elbe über 350 Kilometer am Fluss entlang und streift die Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Der noch junge Flussradweg ist größtenteils asphaltiert oder verläuft auf ruhigen Nebenstraßen und bereits bekannten Radfernwegen wie Berlin-Kopenhagen oder der Tour Brandenburg. Fürstenberg an der Havel ist eine Wasserstadt – das ist sogar patentrechtlich geschützt, denn über die Hälfte der Stadtfläche besteht aus Wasser. Umschlungen von Havelarmen und Seen weist die Stadt das erste Schloss auf, einen Barockbau mit Rokokodekor, 2006 verkauft an einen privaten Investor.

Glanzvoller Auftritt
Einst eine Wasserburg, beherbergt das Rheinsberger Schloss einen prachtvollen an Versailles orientierten Konzertsaal mit Kronleuchtern und sogenannten französischen, bodentiefen Fenstern. An einigen Türen finden sich Ornamente mit Goldauflagen, die die Metamorphosen des Ovid zeigen. Der Muschelsaal ist mit Südseemuscheln dekoriert. In den langen Türfluchten meint man Reifröcke schwingen zu sehen. Puder- und Kleiderkammern, das Bacchuskabinett und die Schlafkammer sind nur einige der zu besichtigenden Räume. Letztere war ehemals mit einem Sitzbett ausgestattet. „Man glaubte, dass einen im Liegen der Tod ereilt“, erklärt die Schlossführerin Viola Suckert. Während die Menschen damals Wasser nur spärlich verwendeten, waren sie beim Pudern umso großzügiger. „Mit dem Wasser kommen die Krankheiten, hieß es!“, sagt Frau Suckert. Schloss Rheinsberg wird nicht das einzige Schloss dieser Reise bleiben. Wie Perlen reihen sie sich längs des Radwegs. Klangvolle Namen wie das Barockschloss Oranienburg, Schloss Cecilienhof oder Sanssouci und Schloss Paretz in Potsdam werden folgen. Preußens Geschichte zieht sich an Havel und Radweg entlang.

Die Schleuse Himmelpfort
Ruppiner Land: Schleuse Himmelpfort

Ziegel, Ziegen, Zander
Die wasserreiche Gegend lockt im Ruppiner Land oft zu einem Bade. Ganze 55 Seen soll es auf nur acht Kilometern entlang des Flusses geben. Viele davon sind natürlich entstanden, einige kreisrunde Exemplare gibt es aber, weil hier früher Ton gestochen wurde. Bei Mildenberg, in den ehemaligen VEB Ziegelwerken Zehdenick, heute mit 42 Hektar Europas größtem Ziegeleipark, lässt sich mehr dazu erfahren. „Einst lebte man hier vom Ton. Die gebrannten Ziegel wurden dann hauptsächlich nach Berlin verschifft, wo aus ihnen Häuser erbaut wurden“, erzählt Wilfried Krüger, der hier den Beruf des Keramfacharbeiters gelernt und bei 65 Grad im Ringofen gearbeitet hat. Allein beim Zuhören bekommt man Durst. Der lässt sich im Gasthaus „Alter Hafen“ stillen, vorsorglich lassen wir uns auch Ziegenkäse aus der Region und Zander aus der Havel servieren.

Auch Oranienburg beherbergt ein prachtvolles Schloss. Errichten ließ es Luise Henriette, Prinzessin von Oranien (1627-1667) und Gemahlin des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Das Porzellanzimmer zieren Deckenmalereien, sehenswert sind auch die Silberkammer, das Mobiliar, Gemälde flämischer Meister, Skulpturen und Tapisserien. Kurz darauf begegnet uns Luise, Königin von Preußen (1776-1810) . Die „Königin der Herzen“ starb mit 34 Jahren. Zu ihrem 200. Todestag läuft „Miss Preußen 2010. Drei Ausstellungen für die Königin“ im Schloss Charlottenburg in Berlin, im Schloss Paretz und auf der Pfaueninsel, der wir uns mit dem Wassertaxi nähern. Doch zuvor blicken wir auf den Turm der 1844 eingeweihten Sacrower Heilandskirche, er war einst in die Grenzmauer integriert. Ab hier kann man das Wassertaxi nutzen, um zum Cecilienhof zu kommen. Während der Fahrt blickt man auf die stählerne Glienicker Brücke, wo einst im Kalten Krieg Agenten zwischen Ost und West ausgetauscht wurden, und auf die Pfaueninsel, wo sich neben Pfauen auch Kormorane und Reiher beobachten lassen, bevor das Taxi am Haltepunkt Cecilienhof/Meierei anlegt.

Schloss Oranienburg
Schloss Oranienburg

Bei der Muckerschen

Im Schloss Cecilienhof, heute Hotel und Museum, tagte 1945 die Potsdamer Konferenz, der Saal ist original mit Tischen und Stühlen erhalten. Hier speist und übernachtet der Radwanderer königlich. Die Schlösser und Gärten in Potsdam sind vielen Künstlern zu verdanken – 1990 erklärte die Unesco sie zum Welterbe der Menschheit. Glanzvoller Höhepunkt ist Schloss Sanssouci, das Lieblingsschloss des Alten Fritz, mit den Weinbergterrassen und original erhaltenen Räumen. Beim Spaziergang durch den Park weiß man sich auf den Spuren des Gartengestalters Peter Joseph Lenné. Er vereinte die Schlösser und Gärten in Potsdam zur Gartenlandschaft.



Weiter geht es von Potsdam in die auf einer Havelinsel gelegene Obstblütenstadt Werder. Der Weg dorthin führt durch einen Märchenwald mit von Efeu umrankten Stämmen. Märchen und Geschichten bekommt man bei Heidemarie Garbe zu hören, die in Werder ihre Muckerstube mit Heimatmuseum, Kaffee und Kuchen betreibt. Mucker wurden einst abfällig jene genannt, die Obst nur nebenbei verkauften und keine echten Obstbauern waren. Im traditionellen Kostüm der Obstzüchter, mit langem Rock und breitkrempigem Hut, bereitet uns „die Muckersche“ eine Tafel wie zu Großmutters Zeiten mit Goldrand-Geschirr und selbst gebackenem Kuchen.

Obst prägt das Städtchen auch heute noch: Alljährlich Ende April/Anfang Mai findet das Obstbaumblütenfest statt und der Obstwein fließt. „Der wird auch Bretterknaller genannt“, sagt Heidemarie Garbe, „denn die betrunkenen Berliner fuhren früher erst spät im Güterwaggon wieder nach Hause und knallten auf die Bodenbretter.“ Bescheidenheit oder gar Komplexe gegenüber den Berlinern kennen die Werderaner nicht. Ihre Geschichte sei das Salz in der Havel. Und die Muckersche versteht es, ihre Stadtführung mit Geschichten zu würzen. Im Sonnenlicht glitzern die Gräser. Ein Angler wartet geduldig auf einen Biss. Schnatternd ziehen Störche über uns hinweg. Ihre Nester sind ringsum auf den Schlöten und Türmen der Dörfer zu sehen. Schwäne ducken ihre Hälse ins Nass. Rechts und links des Wegs stehen mächtige Laubbäume Spalier. Ein Schiff namens „Tütüchen“ tuckert vorbei. Ruhig ist es hier. Der Havel-Radweg darf mit Fug und Recht noch als Geheimtipp gehandelt werden.

Wir verabschieden uns von ihm im mächtigen Dom St. Peter und Paul zu Brandenburg an der Havel. Der Dom, so Pfarrer Christian Radeke, berge mit seinen vielen Brüchen jede Menge Geschichte. Genau wie der Havel-Radweg.

© Judith Weibrecht
Text und Fotos unterliegen dem Urheberrecht. Jegliche Verwendung des Textes, auch auszugsweise, oder die Speicherung in Datenbanken erfordert die vorherige schriftliche Erlaubnis der Autorin: www.judith-weibrecht.homepage.t-online.de

 

 

 

 


 


 

Routenplanung

  • Radtourenbuch „Havel-Radweg“, 1:75.000, bikeline, Verlag Esterbauer
  • ADFC-Regionalkarte Potsdam/Havelland, mit UTM-Gitter, Maßstab 1:75.000,
  • ADFC-Regionalkarte Mecklenburgische Seenplatte, Maßstab 1:75.000
  • Kurt Tucholsky: Rheinsberg. Hamburger Lesehefte Verlag

 

Bahnhöfe (Auswahl)

Waren/Müritz, Fürstenberg/Havel, Oranienburg, Potsdam, Brandenburg an der Havel, Rathenow, Neustrelitz


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