Leser-Tourentipps
Der Ruhrtalradweg
Donnerstag, 21.06.2006
Ich bin wieder unterwegs, und ich habe ein neues Fahrrad: 27 Gänge, 11,5 Kilogramm leicht, ohne Gepäckträger. Um diesen zu montieren, musste ich mir zunächst Halterungen basteln, denn die Mitnahme von Gepäck war an diesem Mountainbike nicht mehr vorgesehen.
Nach 15 Kilometern beginnt es zu regnen. Manche Dinge scheinen sich nie zu ändern. Von Heiligenhaus, am südlichen Rand des Ruhrgebiets gelegen, bin ich losgefahren und schwenkte bei Essen-Kettwig auf den Ruhrtalradweg, der mich bis nach Winterberg im Hochsauerland bringen soll. Die meisten Radwanderer scheinen diesen Weg in entgegengesetzter Richtung zu fahren, und so habe ich reichlich Gelegenheit, die unterschiedlichsten Techniken im Kampf gegen den Regen zu studieren:
- Die optimistische Variante: unterstellen und abwarten, bis der Regen aufhört.
- Die konservative: eine Pelerine, die sich wie ein Zelt zwischen Fahrer und Lenker aufbaut, wobei oftmals nackte Beine unten hervorblitzen.
- Die stylische: Der gesamte Fahrer ist in moderne Kunststoffe gekleidet.
- Die sportliche: sich nass regnen lassen.
Ich habe mich für die vierte Variante entschieden, denn meine Regenjacke ist nach stundenlanger Dauerberieselung nicht mehr dicht. Und so steige ich in Fröndenberg - kurz vor Menden - nass bis auf die Haut vom Rad und nehme mir ein Zimmer, dessen Heizung im Bad betriebsbereit ist. Normalerweise trocknen dort Handtücher. Ich beschließe, dass Handtücher keine Heizung benötigen, dafür aber um so mehr mein Fahrraddress.
Freitag, 22.06.2007
Meine Sachen sind wieder trocken. Nachdem ich gestern weite Strecken in mir vertrautem Revier gefahren bin, mich bei noch trockenem Wetter zwischen Kettwig und Werden heftiger Knutschereien mit der Jugendliebe erinnerte, dringe ich heute in mir unbekannte Welten vor. Zunächst ohne Regen radele ich in idyllischer Landschaft entlang der Ruhr, die im Vergleich zu gestern schon schmaler geworden ist, aber nach den heftigen Regengüssen viel Wasser mit sich führt. Der Moloch Ruhrgebiet scheint überwunden, und ich freue mich auf Natur und Landschaft. Dann kommt der Regen und mit ihm das Einzugsgebiet Arnsberg.
Die Ruhr ist ein Industriefluss - von Duisburg bis weit ins Sauerland hinein. Und so fahre ich die nächsten Stunden an verschiedenen Gewerbegebieten vorbei, erblicke immer wieder Industrieanlagen, später werden es im Hochsauerland mehr holzverarbeitende Betriebe sein, und erst auf den letzten Kilometern vor Winterberg wandelt sich das Bild: Ich radele durch Wälder und höre statt des Verkehrslärms die Vögel zwitschern.
In Meschede im Café sitzend hatte ich das Gespräch einer Frauenrunde belauscht. Eine von ihnen war dieselbe Route, allerdings von Winterberg aus, gefahren. Ihr Fazit kann ich nur bestätigen: Die Ruhr ist zwischen Mülheim und Hattingen am schönsten. Ausgerechnet dort, wo in der Vergangenheit Zechen und Stahlbetriebe das Bild prägten, deren Hinterlassenschaften heute zu Denkmälern der Industriekultur hochstilisiert sind.
Statt in die Idylle bin ich also raus aus der Idylle gefahren. Was liegt näher, als die Tour irgendwann noch einmal zu fahren, von Winterberg aus, wie es nicht nur die Frau aus dem Cafe gemacht hat, sondern die absolute Mehrheit der Radwanderer auf dieser Strecke. Das hat zudem den Vorteil, dass es wesentlich mehr Kilometer abwärts als aufwärts geht.
Bei meiner Radtour vor 30 Jahren sind wir über Dortmund zurück ins Ruhrgebiet gekommen, ein auch heute noch dicht besiedeltes und befahrenes Einfallstor. Der Ruhrtalradweg eröffnet bei der Heimkehr andere Aspekte, führt er doch durch die grüne Lunge des Ruhrgebiets. Dass im Revier noch gearbeitet wird, erfährt derjenige, der die Ruhr bis zu ihrer Rheinmündung in Duisburg entlangfährt, wo Lastschiffe die Ausflugsboote der Weißen Flotte abgelöst haben.
Ich bin nach zwei Tagen und 220 Kilometern jetzt in Winterberg angekommen und nehme mir dort ein Zimmer, um in den nächsten Tagen einige der vielen, gut ausgeschilderten Mountainbiketouren der „Bike Arena Sauerland" zu machen.
Ulrich Schuster





