Leser-Tourentipps
Vom Ruhrgebiet zur Eifel
Noch bevor der Radiowecker den Raum mit den Morgennachrichten beschallt, bin ich wach. Die Wäsche zum Wechseln liegt verstaut in den großen Packtaschen, die bereits am Gepäckträger des Fahrrades hängen. Gestern hatte ich noch eine kleine Inspektion gemacht, jetzt wartet mein altes Mountainbike darauf, dass es losgeht.
„Es ist doch nur eine Radtour", sage ich. Elke war auch schon aufgestanden, damit wir gemeinsam frühstücken konnten. „Natürlich werde ich aufpassen", versuche ich sie zu beruhigen. Aber ein bisschen aufgeregt bin ich selbst. Von meinem Wohnort Heiligenhaus aus, am südlichen Rand des Ruhrgebiets gelegen, will ich mit dem Fahrrad in die Eifel. Den Weg sollen mir die verschiedenen Flüsse weisen. Als erstes die Erft. Sie mündet bei Neuss in den Rhein und entspringt circa 110 Kilometer südlich bei Holzmülheim in der Eifel.
Zunächst aber Neuss. Nachdem ich mich von Elke verabschiedet habe, schlage ich mich mit dem Rad zum Rhein durch. Das zusätzliche Gewicht der vollgestopften Packtaschen ist gewöhnungsbedürftig. Schlingernd fahre ich die ersten Meter über Nebenstraßen meiner Heimatstadt. Bis an die Stadtgrenze Düsseldorfs ist es noch Spaß, dann wird der Verkehr dichter. Immerhin hatten die Verkehrsplaner den Radfahrern noch eigene Wege zugebilligt, durch einen Bordstein von den Autokolonnen getrennt. Nicht getrennt wird dabei die Luft. Bloß weg hier. In Neuss enden dann auch die Radwege. Kein Hinweis, keine Ankündigung. Nicht mal ein Bürgersteig. Wozu auch? Hier fährt man Auto. Zum Glück nicht besonders schnell. Mit einem kräftigen Antritt durchfahre ich rasch diesen Engpass.
Nach etwas mehr als 35 Kilometern stehe ich schließlich am Rhein, in den sich braun und schlammig die Erft ergießt. Nicht besonders appetitlich. Meine Pause verschiebe ich und fahre stattdessen die ersten Meter des Erftradweges, bis ich an einem lauschigen Plätzchen Halt mache. Der Fluss ist hier zwar noch immer trübe, aber die Landschaft lädt zum Verweilen ein. Das Hinweisschild, dass es sich bei diesem Teil der Erft um ein Kanurevier handele, lässt mich angesichts des trägen, dahinfließenden Flüsschens schmunzeln. Tatsächlich aber wird die Erft zwischen Neuss und Grevenbroich bepaddelt, an einigen Stellen sogar im Stangenslalom.
Mit dem Rad ist man schneller, verliert dafür aber häufiger auf diesem Teil des Erftradweges den namensgebenden Fluss aus den Augen und manchmal auch den richtigen Weg. Ich zumindest. Irgendwo zwischen Bedburg und Bergheim erwischt es mich. Irregefahren im Tagebaugebiet, bin ich auf einmal auf der Kaiserradroute unterwegs. Auch schön. Nur die führt nach Dormagen, also wieder zum Rhein. Den aber hatte ich heute schon. Zunächst ein Rennradfahrer, die gucken einen Mountainbiker sonst nicht mal mit ihrem Allerwertesten an, und nachher noch ein Wanderer weisen mir den rechten Weg. Dicke Packtaschen am Rad und ein hilfloser Blick öffnen scheinbar ganz neue Kommunikationswege.
„Wo fahren Sie denn in den Ferien hin?", hatten mich meine Schüler gefragt und fassungslos geschaut, als ich von meinen Radfahrplänen erzählte. „Warum fliegen Sie denn nicht? In den Süden, in die Karibik, in die USA?" Warum eigentlich nicht? Warum strampele ich mich ab, schwitze, um gerade mal 70 Kilometer nach rund fünf Stunden von Zuhause entfernt zu sein? Weil es einfach Spaß macht.
Der jungen Frau auf dem Bürgersteig, die mich freundlich anlächelte, als ich vorbeifuhr, oder den Teenagern, denen ich mein Handy borgte, weil sie den Anschluss an ihre Feriengruppe verloren hatten, wäre ich im Auto oder im Flieger nie begegnet. Und der Eisvogel, den ich im langsamen Vorbeifahren beobachtet hatte, war exotischer als Flamingos in Florida, die man dort an jeder Ecke sieht. Und das Bier, das ich mir abends auf meinem Hotelzimmer gönne, schmeckt nach 103 Kilometern Radeln, Schwitzen und gelegentlichem Fluchen über die eigene Blödheit oder die blöde Ausschilderung ganz besonders gut.
In Kerpen habe ich mir mein erstes Zimmer genommen. Kerpen, die Heimatstadt von Michael Schumacher. Kerpen, die Stadt der Alufelgen und Sportauspuffanlagen. Letzteres wird mir erst richtig im Bett liegend bewusst. Mein Zimmer ist nach vorne raus, zur Straße, die eine enge Gasse ist. Ich schließe die Fenster und versuche, schnell einzuschlafen, damit die Wärme erst dann erdrückend wird, wenn ich schon sanft entschlummert bin. Müde wie ich bin gelingt mir das spielend.
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