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Nachgefragt bei Kirsten Pfaue, Radverkehrskoordinatorin von Hamburg

Radverkehr in Hamburg

Wasserschloss_HafencityHamburg

Kirsten Pfaue ist seit Oktober 2015 Radverkehrskoordinatorin von Hamburg und ehemalige Landesvorsitzende des ADFC Hamburg. Ihre Stelle wurde neu geschaffen und damit ein Teil des Koalitionsvertrags umgesetzt. Der Radwelt hat sie verraten, was in Hamburg in Sachen Radverkehr richtig läuft und wo noch Verbesserungsbedarf besteht.

Radverkehrskoordinatorin Kirsten PfaueSie sind seit Oktober 2015 Hamburgs erste Radverkehrskoordinatorin. Was genau ist Ihre Aufgabe?
Ich bin dafür da, dass Hamburg fahrradfreundlicher wird. Meine zentrale Rolle ist, dass alle Akteure, die insbesondere in der Hamburger Verwaltung an diesem Thema in ganz unterschiedlichen Bereichen arbeiten, an einem Strang ziehen. In den drei Bereichen Infrastrukturausbau, Serviceausbau und Kommunikation sollen parallel Maßnahmen für den Radverkehr gefördert werden. Dazu stimme ich mich mit Entscheidungsträgern ab, spreche mit den Kollegen aus den Bezirksämtern oder vom Landesbetrieb für Straßen, Brücken und Gewässer, verhandle die jährlichen Vereinbarungen zum Ausbau des Veloroutennetzes, plane Aktionen mit dem Landessportamt rund um den Masterplan Active City oder bringe mit Hamburg Tourismus die Integration von Radrouten in ihrer App voran.
Viele sind involviert mit ganz unterschiedlichen beruflichen Hintergründen und Blickwinkeln, vom Stadtplaner über die Haushälter bis zum Polizisten vor Ort. Ich bin sehr agil und flexibel in der Hamburger Verwaltung unterwegs. Dafür habe ich umfassende Informations- und Beteiligungsrechte, kann Hierarchien überspringen. Auch binde ich diverse externe Akteure ein und bringe Menschen an einen Tisch. Im Gespräch klärt sich alles am besten. Von großer Bedeutung ist auch der direkte Austausch mit den Bürgern. Den suche ich auf vielen öffentlichen Veranstaltungen.

Im Koalitionsvertrag steht, dass Hamburg Fahrradstadt werden will. Was bedeutet das?
Hamburg ist eine wachsende Stadt. Wir werden bald mehr als zwei Millionen Einwohner haben. Das führt zu immer mehr Verkehren, mehr Staus und Abgasen. Deshalb muss der Verkehr neu organisiert werden. Das Radfahren hat im modernen Mobilitätsmix eine wichtige Bedeutung. Ein hoher Radverkehrsanteil reduziert Lärm, bringt bessere Luft und fördert die Gesundheit der Menschen. Deshalb ist das große Ziel des Hamburger Senats die Steigerung des Radverkehrs am Verkehrsaufkommen von 12 % auf 25 % im nächsten Jahrzehnt.
Ziel ist, den Menschen Lust zu machen, sich gerade für kurze Wege vermehrt aufs Rad zu setzen – für einen quirligen, lebendigen Straßenraum, in dem der Radverkehr für Lebensqualität steht und selbstverständlicher Teil des Stadtbildes ist.

Wie weit ist Hamburg auf seinem Weg zur Fahrradstadt?
Parallel werden hamburgweit zahlreiche Maßnahmen in den drei Handlungsfeldern Infrastruktur, Service und Kommunikation mit Hochdruck vorangetrieben. Eine solche intensive Radverkehrsförderung gab es in Hamburg noch nie. Meilenstein war dazu der Abschluss des Bündnisses für den Radverkehr im Jahr 2016. Seitdem hat sich Hamburg mit Mut und Entschlossenheit auf den Weg gemacht: Velorouten werden ausgebaut. Radverkehrsanlagen gebaut. Machbarkeitsstudien für Radschnellwege zum Einpendeln von der Metropolregion nach Hamburg beauftragt. Ziel ist es, gute Infrastrukturangebote zu schaffen und diese mit hochwertigen Serviceangeboten zu verbinden.

Stadtrad Hamburg

Das erfolgreiche StadtRAD Fahrradleihsystem wird ausgeweitet, von 213 StadtRAD-Stationen mit 2.450 Rädern auf 350 Stationen mit 4.500 Rädern. Integriert werden zunächst 20, später bis zu 70 elektrisch unterstützte Leih-Lastenräder, damit auch mal mehr transportiert werden kann oder Eltern ihre Kinder mitfahren lassen können. Zudem sollen bis 2025 bei U- und S- Bahnhöfen 28.000 Abstellplätze mit überdachten und gesicherten Plätzen sowie Schließfächern und Abstellanlagen für E-Bikes geschaffen werden. Allein 2018 werden voraussichtlich über 15.00 Plätze fertiggestellt. So verknüpfen wir Rad und ÖPNV. Daneben weiten wir Winterdienst und Laubreinigung aus. Auch verbessern wir die Datenlage durch ein automatisches Zählnetz. Unterm Strich: in Hamburg ist viel los. Und Hamburg holt auf. An vielen Stellen im Stadtgebiet wird sichtbar, dass ernsthaft die Förderung des Rad- und Fußverkehrs vorangetrieben wird.

Zentrales Projekt ist das 280 Kilometer lange Veloroutennetz. Wie ist der aktuelle Ausbaustand und wird das Netz bis 2020 fertig?
Das Veloroutennetz ist das Rückgrat des Alltagsradverkehrs mit einer Länge von 280 km. Wir haben das gesamte, stadtweite Netz zu 100 % fest im Blick. Bei rund 150 Kilometern bestehen Handlungsbedarfe, die in konkrete Planungen überführt werden: Über 245 Maßnahmen sind in der Pipeline, davon derzeit über 190 in Planung. Mehr als 30 Planungsbüros sind eingebunden. Und erste Maßnahmen werden bereits baulich umgesetzt.
Es beeindruckt mich, mit welcher Tatkraft die Realisierungsträger vorangehen. Die Grundidee, lange zusammenhängende Strecken für Radfahrer anzubieten, wird mehr und mehr sichtbar, z. B. auf der Veloroute 4 von der Bebelallee in die Innenstadt oder auf der Veloroute 8 von Billstedt in die City. Gerade begonnen hat im Herzen von Hamburg der Bau eines rund einen Kilometer langen Abschnittes auf der Veloroute 2 in der Schanzenstraße.
Im Jahr 2020 wird durch die konsequente und umfassende Projektsteuerung das Netz fast vollständig baulich fertiggestellt sein. Die dann noch laufenden Maßnahmen werden aufgrund prozessbegleitender, externer Faktoren wie beispielsweise laufende Bürgerbeteiligung, Schaffung planrechtlicher Voraussetzungen, notwendiger Baustellenkoordinierung oder voller Auftragsbücher bei Baufirmen in den Folgejahren sukzessive abgeschlossen.  

Die Velorouten sollen ganzjährig sicher, zügig und komfortabel befahrbar sein. Ein Teil wird von den Hamburgern schon befahren. Gibt es Feedback?
Fertiggestellt sind derzeit rund 40 % des Netzes. In den Jahren 2016 und 2017 sind rund 10 km Velorouten gebaut worden. Dem einen ist das zu wenig und dem anderen zu viel, denn Hand aufs Herz: jede Fläche, die einer bekommt, muss ein anderer hergeben. Das führt zu Spannungen. Es wird diskutiert und gerungen um Parkplätze, Bäume, Standards und Mittel.
Bei manchen Veranstaltungen geht es richtig zur Sache und alte Lagerkämpfe werden hitzig fortgesetzt. Der eine wünscht sich überhaupt keine Veränderung, der andere möchte mit einem Handstreich alles umzustürzen. Aber Demokratie bedeutet nun einmal, täglich Kompromisse zu schließen. Deshalb müssen wir uns weiter in der Kunst üben, zu überzeugen statt zu verordnen. Für mich steht fest: Radverkehrsförderung gelingt nicht im Umsturz. Notwendig ist ein langjähriger Prozess. Dabei bedarf es stets der Betrachtung der konkreten Örtlichkeit, Augenmaß und einer gesunden Prise Pragmatismus. Ein langer Atem ist wichtig.
Der zahlt sich in Hamburg bereits aus: das Feedback, welches ich bei öffentlichen Veranstaltungen oder durch Mails bekomme, nehme ich zunehmend positiver wahr, der Ton wird freundlicher. Mein Eindruck ist, dass wahrgenommen wird, dass die Förderung des Radverkehrs vorangeht und der Lebensqualität in der Stadt dient. Dabei kommt uns sicherlich zu Gute, dass wir darauf achten, dass Radverkehrsförderung auch immer eine Förderung des Fußverkehrs ist.

Veloroute 11 Hamburg Hamburg hat in Sachen Radverkehr schon einiges angestoßen: die Radverkehrsstrategie, das Bündnis für den Radverkehr, das geplante Veloroutennetz und so weiter. Was macht Hamburg richtig?
Hamburg geht geschlossen und strukturiert vor. Alle Maßnahmen – egal ob aus dem Bereich Infrastruktur, Service oder Kommunikation – werden stadtweit verzahnt vorangetrieben. Das ist kein Spaziergang, sondern eher eine große Mission: beteiligt sind insgesamt 18 Bündnispartner, davon alleine neun Realisierungsträger. Durch das Vorgehen entsteht eine sich stark befruchtende Dynamik. Alle sind involviert. Alle sind dabei. Es entsteht ein reger Austausch. Gleichzeitig finden lokale Unterschiede ihre Berücksichtigung.
In einem jährlichen Arbeitsprogramm legen wir gemeinsam und ressortübergreifend fest, welche konkreten Umsetzungsschritte erfolgen sollen. Zudem schließen die Bezirksämter und die Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation für die Infrastrukturmaßnahmen jährliche Vereinbarungen ab. Diese benennen maßnahmenscharf die zu erbringenden baulichen Leistungen und die Kosten. Zur Umsetzung der Baumaßnahmen erhalten die Bezirksämter dann auch anteilig Personalmittel, um qualifiziertes Personal zur Erfüllung der Aufgaben einstellen zu können. Mehr als zehn neue Mitarbeiter konnten so gewonnen werden.
Neben klaren Vorgaben zur Konfliktlösung haben wir auch eine Projektsteuerung eingesetzt. All dies führt zu einer hohen Schlagkraft. Entscheidend für den Erfolg ist auch, dass das Bündnis für den Radverkehr durch den Ersten Bürgermeister, verschiedene Senatoren, alle Bezirksamtsleitungen und Vorsitzenden der Bezirksversammlungen unterzeichnet worden ist. Mehr gemeinsamer Wille geht nicht.

Bündnis für den Radverkehr

Was kann Hamburg in Sachen Radverkehr und Radverkehrsförderung besser machen?
Wir müssen die neuen Angebote noch viel stärker kommunizieren, zum Beispiel welche Möglichkeiten für schnelle und zeitsparende Mobilitätsketten zwischen Rad und ÖPNV bestehen. Wir müssen noch mehr informieren, was in der Stadt passiert und im gleichen Atemzug auch neue Infrastrukturelemente erläutern: Welche Regeln gelten in einer Fahrradstraße und warum ist das Parken auf einem Radfahrstreifen alles andere als ein Kavaliersdelikt? Hier ist noch viel Aufklärungsbedarf. Das Informationsbedürfnis ist groß und die Bürger sind interessiert.
Auch gilt es, das Gemeinschaftsgefühl und das respektvolle Miteinander auf Hamburgs Straßen zu verbessern. Der Stresslevel ist einfach zu hoch. In diesen Bereich fällt auch ein weiteres dickes Brett: Beschilderungen von Baustellen oder temporären Sperrungen für Radfahrer, z. B. bei Veranstaltungen. Zu oft wird vergessen, Umleitungen für den Radverkehr auszuschildern und zu Recht reagieren Radfahrende darauf empfindlich. Schließlich muss jeder Umweg mit Muskelkraft zurückgelegt werden. Hamburg geht diese Herausforderungen an und weitet dazu den Schwerpunkt Kommunikation aus.

Fotos: BWVI


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