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Tour de France als Impulsgeber für den Radverkehr

Tour-Start_STADT DUESSELDORF_MELANIE ZANIN

Grand Départ 2017 – auch für den Düsseldorfer Radverkehr?  Der Tour-Start in Düsseldorf hat Hunderttausende begeistert. Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) sieht darin auch einen starken Impuls für den Radverkehr in der nordrheinwestfälischen Landeshauptstadt. Der Düsseldorfer ADFC hofft auf konkrete Verbesserungen, damit die Stadt nicht nur bei Sportevents, sondern auch beim Fahrradklima Spitze wird.

Nun ist der Grand Départ in Düsseldorf schon Geschichte. Die vier Tage mit Begrüßung der Tour-Karawane, Teampräsentation, Einzelzeitfahren am Samstag und der zweiten Etappe am Sonntag vergingen so schnell, wie das Fahrerfeld an den am Straßenrand jubelnden Zuschauern vorbei raste

Trotz grau verhangenem Himmel und Regen verfolgten rund 500.000 Zuschauer die erste Etappe mit dem Einzelzeitfahren durch die Düsseldorfer Innenstadt, über zwei Rheinbrücken und die Kö, wie Düsseldorfs Prachtmeile Königsallee im Volksmund heißt. Im Minutentakt absolvierten die 198 Fahrer die Strecke. Für die 14 km brauchte der englische Etappensieger Geraint Thomas gerade mal 16 Minuten – Durchschnitts-geschwindigkeit 52,5 km/h – und schlüpfte damit als erster ins begehrte gelbe Trikot des Spitzenreiters.

Interview

Das Interview mit dem Oberbürgermeister von Düsseldorf lesen Sie hier:

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Tour de Rheinland
Tour-Start STADT DUESSELDORF_UWE SCHAFFMEISTERDer Tour-Start in Düsseldorf war der vierte im Mutterland des Fahrrads und der erste nach 1987 in Berlin. Die Hoffnung der deutschen Fahrer auf einen Sieg im Heimatland erfüllte sich leider nicht. Trotzdem waren gerade die deutschen Fahrer sehr gerührt von der großen Anteilnahme der deutschen Fans. Die hatte es seit den Dopingfällen der deutschen Radsportstars vor zehn Jahren so nicht mehr gegeben.Bei der zweiten Etappe gewann mit Marcel Kittel dann ein Deutscher, aber das war schon im belgischen Lüttich – nach 203 km.

Die ersten fünfzig Kilometer führten auf einer Schleife durch und um Düsseldorf. Allein hier standen rund 750.000 Zuschauer an der Strecke. Vom Rhein ging es gen Osten Richtung Bergisches Land. Die 120 Meter Höhe im Grafenberger Stadtwald mutierte in der Tour-Sprache zum „Col du Grafenberg“, mit der ersten Bergwertung. Zurück in Düsseldorf ging es dann über den Rhein und weiter durch Neuss, vorbei am Radsportzentrum in Kaarst-Büttgen, durch Mönchengladbach und Aachen nach Lüttich.

So wurde die Tour de France für einen Tag zur Tour de Rheinland. Die begeisterungsfähigen Rheinländer feierten in beeindruckender Zahl und mit kreativen Aktionen entlang der gesamten Strecke – Karneval auf zwei Rädern. Selbst viele Kritiker ließen sich dann doch von der Begeisterung anstecken. Der Grand Départ der Tour – ein voller Erfolg.

Pendlerhauptstadt Düsseldorf
Tour-Start in Düsseldorf abgesperrte Straßen (c) Peter BarzelGroße Teile der Stadt waren für die Tour gesperrt. Manche nutzten das vor und nach der Tour, um auf großen Straßen autofrei Rad zu fahren. Ein einmaliges Erlebnis. Denn sonst müssen sich die Radfahrer hier eher mühsam ihre Wege suchen. Düsseldorf ist zwar bis auf den äußersten Osten topfeben, aber die Randbedingungen sind schwierig.

Die Stadt wächst, in den letzten dreißig Jahren um zehn Prozent auf heute 630.000 Einwohner und damit auch der Bestand an Pkw. Das verschärft das Parkplatzproblem. Radwege und -streifen sind oft zugestellt. Die Straßenquerschnitte sind verhältnismäßig eng, wo sich Autos, Straßenbahn, Busse, Radverkehr und Fußgänger den Platz teilen müssen. Auch die 850 Millionen Euro teure, neue 5,5 Kilometer lange U-Bahnröhre für die Straßenbahn in der Innenstadt bringt da nicht wirklich Entlastung.

Düsseldorf ist nicht nur Landeshauptstadt in NRW, sondern auch Pendlerhauptstadt. 300.000 kommen täglich zum Arbeiten in die Stadt, davon etwa 200.000 mit dem Auto. Knapp 100.000 pendeln raus und rund 200.000 innerhalb der Stadt. Vor diesem Hintergrund ist eine Steigerung des Radverkehrsanteils von 9 Prozent auf inzwischen 14 Prozent schon beachtlich.

SPD-Oberbürgermeister Thomas Geisel, selbst Marathonläufer und Rennradfahrer, hatte die Bewerbung um den Tour-Start initiiert und gegen größeren Widerstand umgesetzt. Er erhofft sich davon auch einen deutlichen Impuls für den Radverkehr und möchte den Radverkehrsanteil auf 25 Prozent steigern – einen Zeitplan dafür gibt es allerdings nicht.

Radschlag Düsseldorf
Eines der Wahrzeichen Düsseldorfs sind die Radschläger. Die jährlichen Wettbewerbe in der Turnübung Radschlagen gelten als die älteste Tradition Düsseldorfs. Die jüngste Kampagne in der Stadt heißt RADschlag – Düsseldorf tritt an, gestartet ein Jahr vor dem Grand Depárt. Das „Rad“ soll nicht nur groß im Namen, sondern auch in der Stadt geschrieben werden.

Die Kampagne soll dazu beitragen, den Trend zum Fahrrad als innerstädtisches Verkehrsmittel sprunghaft zu beschleunigen und setzt auf ein Umdenken in den Köpfen. Denn der notwendige Umstieg vom Auto auf das Fahrrad hat bisher nicht stattgefunden.

Der Maßnahmenkatalog der Kampagne liest sich wie die Beschreibung einer Großoffensive für Radverkehr. Eine Radschlag-App weist Radfahrern den Weg durch Düsseldorf. Das Büro des Fahrradbeauftragten wurde personell aufgestockt, eine Fachgruppe Radverkehr unter Mitwirkung von ADFC und VCD eingerichtet, die jährlichen Finanzmittel von 1,5 auf 2,5 Millionen Euro erhöht.

Seit 2005 wurden stadtweit Bezirksnetze geplant und umgesetzt, insgesamt etwa 700 km. Jetzt sollen diese mit dem 300 km langen Radhauptnetz verknüpft werden. Es gibt von der Stadt subventionierte öffentliche Leihfahrräder (Nextbike) und eine Radstation. Vieles ist auf dem Weg, sei es der Radschnellweg im Süden der Stadt oder das rechteckige Düsseldorfer Fahrradparkhäuschen, das genau auf einen Autostellplatz passt und auch Lastenräder aufnimmt.

Hoffnung auf den Lückenschluss
Düsseldorf Friedrichstraße ADFC Düsseldorf Tyra LerkeDüsseldorf hat in den letzten zwanzig Jahren kontinuierlich an der Infrastruktur für den Radverkehr gearbeitet. Bei den Bezirksnetzen wurden vorrangig verkehrsarme Nebenstraßen genutzt und, wo erforderlich, Radwege oder -streifen angelegt. Noch fehlen die Verbindungen zwischen den Bezirken und quer durch die Stadt – das Radhauptnetz.

Das ist in Planung, sieht aber aktuell für Radfahrer wie ein Flickenteppich mit Löchern aus. Vorbildliche Streckenabschnitte enden im radverkehrlichen Nichts oder wechseln mit holprigen Altbeständen, auf denen man im Slalom um Laternen- und Schildermasten geführt wird. Kein Wunder, dass Düsseldorf beim Fahrradklimatest noch auf den hinteren Plätzen steht.

Der U-Bahnbau hat acht Jahre lang die Streckenführung in der Innenstadt blockiert. Jetzt ist auf einer der Haupteinfallstraßen, der Düsseldorfer Friedrichstraße, eine Fahrspur für den Radverkehr markiert worden – nachdem die Straßenbahn dort unter der Erde fährt. Weitere sollen folgen.

„Die Möglichkeiten der Streckenführung neben der Fahrbahn und über Nebenstraßen sind ausgeschöpft“, erklärt der leitende Radverkehrsbeauftragte Steffen Geibhardt. „Wenn wir den Radverkehrsanteil weiter steigern wollen, müssen wir Fahrspuren in Radstreifen wandeln. Denn viele trauen sich im Stadtgebiet aus Sicherheitsgründen nicht aufs Fahrrad.“

Geibhardt war gerade mit einer städtischen Delegation in Kopenhagen. Der Oberbürgermeister war auch dabei. Mit dem gelungenen Tour-Start im Rücken sind für 2018 eine Mobilitätsumfrage und ein Fahrradgipfel geplant. Dafür konnte mit Andreas Röhl der ehemalige Direktor der dänischen Fahrradbotschaft aus Kopenhagen gewonnen werden.

Lerke Tyra, stellvertretende Vorsitzende des örtlichen ADFC, hofft, dass nicht nur geredet, sondern auch gehandelt wird. Sie fordert ein deutlich sichtbares Pilotprojekt wie die zügige Fertigstellung einer Hauptachse des Radhauptnetzes.

Auch die Rheinbahn, die örtliche Nahverkehrsgesellschaft, hat die Radfahrer als Partner entdeckt. Schon lange darf man sein Rad ganztägig in Bus und Bahn mitnehmen – wenn Platz dafür ist. Zum Grand Départ gibt es ein besonderes Angebot. Noch bis Ende Oktober bekommen Abonnenten der Rheinbahn ein Brompton-Faltrad mit zwanzig Prozent Rabatt. Dafür ist in Bus und Bahn immer Platz. Auch eine Möglichkeit, die Lücken im Radverkehrsnetz zu schließen – zumindest zeitweise.

Peter Barzel


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