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Der Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ ist in diesem Jahr nicht der einzige Schmuck des Ruhrgebiets: Der RuhrtalRadweg gehört zu den vom ADFC nit vier-Sternen klassifizierten Routen.
Die Metropolregion Ruhrgebiet ist 2010 Europäische Kulturhauptstadt. Passend dazu wurde im Januar der RuhrtalRadweg vom ADFC mit vier Sternen zertifiziert und gehört nun zum Kreis der ADFC-Qualitätsradrouten. Doch die Ruhr fließt nicht nur durch das Ruhrgebiet. Sie entspringt bei Winterberg und verbindet das Sauer- mit dem Rheinland. Die inoffizielle Hymne des Sauerlandes, die auf keinem Dorffest fehlen darf, führt die Zeile „Mein Herz schlägt für das Sauerland“ im Refrain. Mein Herz schlägt gerade im Sauerland, und zwar heftig: Direkt nach dem Start am Bahnhof Winterberg geht es stramm bergauf, sodass man bereits gute Argumente für ein ausgiebiges Abendessen hat, wenn man die im Wald versteckte Ruhrquelle erreicht. Und hier sind erst zwei von etwa 230 Kilometern des RuhrtalRadwegs absolviert! Zum Glück geht es nun von der auf über 650 Metern Höhe gelegenen Quelle tendenziell bergab, auch wenn das „Land der tausend Berge“, wie das Sauerland auch genannt wird, noch die eine oder andere Steigung bereithält.
Der Wald in der Region zeigt an einigen Stellen noch deutliche Spuren des Orkans Kyrill, der im Januar 2007 über Deutschland hinwegfegte. Von den umgestürzten Bäumen befreit, sind einige Hügelkuppen noch übersät mit halb entwurzelten Baumstümpfen – die Verwüstungen sind ein ehrfurchtgebietender Anblick. Vorwiegend auf Forstwegen geht es in Richtung Olsberg, wo die bislang in nördliche Richtung fließende Ruhr ihren Weg gen Westen einschlägt. Noch ist der Fluss, der einer der größten europäischen Industrieregionen ihren Namen gab, noch nicht viel mehr als ein Bach, der sich munter seinen Weg durch die Täler bahnt. Immer wieder gibt es kurze, steile Anstiege, die sich dem Reiseradfahrer entgegenstellen. Kurz hinter Olsberg bewältige ich einen davon mit Mühe und erhalte auf der Kuppe Szenenapplaus von einigen Radwanderern. „Wir haben zur Hälfte geschoben“, sagen sie. Für ein längeres Schwätzchen fehlt mir leider die Luft, deshalb rolle ich bergab weiter und werde von ihnen nett verabschiedet: „Gute Fahrt! Wir machen noch ein wenig Pause.“
Entlang der Strecke bieten sich zahlreiche Gelegenheiten für Abstecher in die Umgebung. So kann man sich Ostwig mit seinem Rittergut ansehen, oder, etwas weiter entfernt, mit der Grubenbahn in das Besucherbergwerk Ramsbeck einfahren. Ich entscheide mich für einen Besuch in der Bergstadt Eversberg kurz vor Meschede. Der Radführer verspricht einen tollen Panoramablick von der Burgruine und einen langen und steilen Anstieg dorthin. Beide Versprechen werden eingelöst. Nachdem ich mir einen Extra-Teller Spaghetti verdient habe, genieße ich den Rundblick auf die Hügel im Umkreis. Der Dank dafür gebührt dem Grafen von Arnsberg, Gottfried III. Er ließ die Burg im 13. Jahrhundert errichten, um sich seiner Nachbarn zu erwehren, die an dem Territorium der Grafschaft Arnsberg sehr interessiert waren. Nachdem der Radweg zu Beginn vorwiegend über unbefestigte Forstwegeführte, rollt man nun zum größten Teil auf asphaltierten Wegen. Die Bundesstraße 7 ist nicht fern, in den schmalen Tälern der Gegend lässt sich das oft nicht vermeiden. Unangenehm nahe oder sogar direkt neben der Hauptverkehrsstraße fährt man aber selten, und in diesen Momenten mag man sich damit trösten, dass diese Straße auf das Betreiben Napoleons gebaut wurde.
Der nächste Höhepunkt wartet in Arnsberg. Die Sehenswerte Altstadt befindet sich, wie sollte es anders sein, auf einem Berg. Das Herzogtum Westfalen wurde mitsamt der Hauptstadt Arnsberg auf Beschluss des Wiener Kongresses 1815 dem Königreich Preußen angeschlossen. Für die preußischen Beamten wurde ein Regierungsviertel im klassizistischen Stil erbaut, damit sie sich fernab von Berlin nicht allzu fremd fühlen mussten. Dazu wurde gleich eine evangelische Kirche errichtet, da es im katholischen Arnsberg bis zu diesem Zeitpunkt keine gab. Noch heute ist Arnsberg Hauptstadt: Der Regierungsbezirk verwaltet große Teile des Ruhrgebietes.
Weiter oberhalb des Klassizismus-Viertels, nach einem weiteren kräftezehrenden Anstieg, finden sich die Reste der Schlossanlage. Hier residierten die Arnsberger Grafen, später die Kurfürsten von Köln. Die Ruine beeindruckt durch ihre imposante Grundfläche und den tollen Blick in die Umgebung. Die typische sauerländische Landschaft breitet sich dort aus: meist bewaldete Hügel, dazwischen Felder und Weiden, Siedlungen schmiegen sich an die Kuppen und aus den Tälern ragen vereinzelt Schornsteine der Industriebetriebe hervor. Nicht nur im Ballungsraum Ruhrgebiet ist die Montan- und Metallproduktion heimisch. Bevor die Industrialisierung dort richtig in Schwung kam, war das Sauerland das größte Industriegebiet der Welt. Dass die Region heute das wichtigste Naherholungsgebiet für gestresste Ruhrgebietsbewohner ist, verdankt man auch dem Umstand, dass die Ruhr hier noch nicht schiffbar ist. Der Weg nach Neheim führt über einen schönen unasphaltierten Naturlehrpfad, der sich direkt an der Ruhr entlang sanft auf und ab windet. Hier verdient es der Wasserlauf langsam, Fluss genannt zu werden. Bald merkt man auch, dass das Ruhrtal immer breiter wird, nennenswerte Anstiege gibt es kaum noch. So erschöpft wie die Jugendlichen, die kurz vor Echthausen ihre Kanus an Land zerren und danach ins Gras plumpsen, bin ich noch lange nicht. Ich rolle deshalb weiter, an einer Koppel vorbei, die einige Radtouristen nach den Kamelen absuchen, die laut Radführer dort hin und wieder zu sehen sein sollen. Heute weilen die Tiere jedoch woanders.

Die idyllischen Ruhrauen lassen die Nähe zum Ballungsgebiet nicht ahnen. Dabei erreicht man es spätestens mit der Ankunft in Schwerte. Die entzückende kleine Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern und dem leichtwindschiefen Kirchturmdach passt da ebenfalls nicht ins Klischee von Hochöfen und Smog. „Von Arbeit ganz grau“, so besang Herbert Grönemeyer seine Heimatstadt Bochum, und beschreibt damit ein gängiges Bild vom „Pott“. Doch oft genug fühlt man sich auf dem RuhrtalRadweg eher ins Mittel- als ins Industriezeitalter versetzt. Hinter Schwerte ist bald der Hengsteysee erreicht, der als Speicher für Wasserkraftwerke dient und sich natürlich auch für Ausflüge bestens eignet. Gerade am Wochenende kann es hier sehr voll werden, ebenso wie am Harkortsee, der nicht weit entfernt liegt und an den man gelangt, nachdem der, sich imposant über das Tal spannende, Eisenbahnviadukt bei Herdecke passiert ist. Im Ruhrgebiet sucht man am Wochenende mit Kind und Kegel gern die Seen auf.
Ruhiger ist es im Muttental bei Witten, das auch als Wiege des Ruhrbergbaus bezeichnet wird. Schon Anfang des 16. Jahrhunderts begann hier der Abbau von Kohle, erst aus Schächten, später aus Stollen. Wenige Meter weiter stößt man wiederum auf mittelalterliche Spuren. Die Burgruine Hardenstein könnte kein romantischer Maler besser ins Bild gesetzt haben. Umgeben von Wald und der Ruhr, sollte man es sich nicht nehmen lassen, diesen Ort ausgiebig auf sich wirken zu lassen. Nicht weit von der Ruine entfernt findet sich die Fähre, um Radfahrer über die Ruhr zu bringen. Es warten bereits einige Radwanderer auf die Überfahrt, nicht alle schaffen es auf die Fähre und müssen auf die nächste Runde warten. Um die Wartezeit zu überbrücken, geht bei einer Gruppe eine Flasche Klarer herum. Auch mir bietet man einen Schluck an, den ich jedoch ablehnen muss: Ich bin im Dienst! Ähnlich pflichtbewusst werfe ich am Ende der kurzen Überfahrt einige Münzen in die Büchse, denn der Fährbetrieb wird vorwiegend aus Spenden finanziert.
Der nächste See lässt nicht lange auf sich warten. Der Kemnader Stausee ist noch jung, er wurde Ende der Siebziger Jahre als Naherholungsgebiet angelegt und wird als solches eifrig genutzt. Wesentlich älter ist die Wasserburg Haus Kemnade, die den Radwanderer nicht nur mit ihrer Schönheit, sondern auch mit ihrem Biergarten unter einem Baum im Burghof lockt. Auf dem Weg nach Hattingen lohnt sich zudem ein Abstecher in das Westfälische Industriemuseum Henrichshütte. Ehemals mehrere Quadratkilometer groß, bot die Hütte bis zu 10.00 Menschen Arbeit, ehe sie 1987 geschlossen und für viele Menschen zum Symbol für den Niedergang des Bergbaus wurde. Vielleicht wird einst ein Symbol des Strukturwandels im Ruhrgebiet daraus.

Völlig gegensätzlich zu der riesigen Industrieanlage ist die Hattinger Altstadt, die zu Recht den Spitznamen „Rothenburg des Ruhrgebiets“ trägt. Am schönen Südufer des Baldeneysees gelangt man nach Essen-Werden. Beim Rundgang durch den, mit Ausnahme einer Hauptverkehrsstraße, beschaulichen Ort empfiehlt sich die Altstadt. Wiederum wird das Ruhrgebietsklischee der verrußten Industriegroßstadt nicht erfüllt, jedoch zumindest ansatzweise durch eine ältere Dame gerettet, die sich über den Anblick eines nackten Bierbauches auf einem Balkon empört. Den Besitzer kümmert das nicht besonders, er lässt sich weiter die Sonne auf den Bauch scheinen. Die Ablenkungen im Ruhrgebiet sind zahlreich. Wer neben dem Radfahren noch viel von der Region sehen will, sollte sich viel Zeit nehmen oder kürzere Teilstücke befahren. Insbesondere im Jahr als Europäische Kulturhauptstadt gibt es unzählige Möglichkeiten, das Ruhrgebiet zu entdecken. Die Reise endet in Duisburg an der Mündung der Ruhr in den Rhein. Weithin sichtbar ist die stählerne Skulptur „Rheinorange“. 25 Meter hoch und sieben Meter breit ist sie, in der Farbe „Reinorange“ gestrichen und repräsentiert die Bedeutung Duisburgs als Standort der Stahlverarbeitung und modernen Kunst. Ein passender Abschluss einer abwechslungsreichen, spannenden, überraschenden und einfach schönen Vier-Sterne-Qualitätsradroute.
Autor: René Filippek
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