Leser-Tourentipps
Zwei Glashüttener unterwegs auf dem Oder-Neiße-Radweg
Diesmal sollte es nicht Frankreich, Süd-Irland oder Spanien sein. In diesem Jahr hatten sich die beiden Glashüttener Gert Reiß und Günter Zimmermann (beide 70) vorgenommen, den östlichsten Teil Deutschlands entlang der Grenze zu Tschechien und Polen zu erkunden.
Sie wählten dafür den Oder-Neiße-Radweg von der Quelle bis nach Ahlbeck an der Ostsee. Und so wurde die Tour doch noch eine 750 Kilometer lange Drei-Länder-Fahrt. Wobei, um das gleich anzumerken, nichts außer den Grenzpfählen und (auf deutscher Seite) zweisprachigen Hinweisschildern auf eine die Nationen trennende Grenze hinweist.
Reiss und Zimmermann begannen ihre Reise nicht, wie die meisten Oder-Neiße-Radler, in Zittau, der südöstlich gelegenen Stadt Sachsens. Sie starteten die (einzige) beschwerliche Strecke von der Quelle der Neiße in Tschechien aus durch das Zittauer Gebirge.
Schon an diesem ersten Tag gab es von Einheimischen Einblicke in den Alltag dieser Grenzregion. Nachdem die direkten Grenzkontrollen durch das Schengener Abkommen der Vergangenheit angehören, fühlen sich viele Tschechen durch die Zollkontrollen im Hinterland, die den lebhaften Schmuggel unterbinden sollen, drangsaliert, und die tschechischen Behörden reagieren ihrerseits mit Repressalien gegen deutsche Autofahrer.
Andererseits fallen in den tschechischen Ortschaften direkt hinter der Grenze Autos mit westdeutschen Kennzeichen auf, die in Dreierreihen vor Apotheken stehen. Grund: ein enormes Preisgefälle für Medikamente.
Neben zahlreichen historischen, in den letzten Jahren herausgeputzten Gebäuden in der sehenswerten Altstadt gehört wohl das Zittauer Fastentuch zu den herausragenden Sehenswürdigkeiten der Stadt. Das Kleine wie auch das Große Zittauer Fastentuch – Bilderbibeln aus dem 15. Jahrhundert – sind die einzigen überlieferten Exemplare ihrer Art in Deutschland und gehören zu den bedeutendsten in Europa. Von den hunderten Bilderbibeln, die es im katholischen Deutschland des Mittelalters gegeben haben soll, blieben nur die von Zittau erhalten.
Auf dem Weg von Zittau nach Görlitz beeindrucken in Hirschfelde die in Europa einmaligen Umgebindehäuser, eine auf das 15. Jahrhundert zurückgehende Form von Fachwerkhäusern. Sie finden sich heute vor allem im Dreiländereck Deutschland, Polen und Tschechien.
Schließlich findet sich, direkt am romantisch anmutenden Radweg entlang der Neiße, das älteste Frauenkloster des Zisterzienserordens in Deutschland: Kloster St. Marienthal. Es besteht seit seiner Gründung im Jahr 1234 ununterbrochen und dem Konvent gehören zur Zeit 15 Ordensschwestern an.
Görlitz ist für viele eine der schönsten Städte Deutschlands. Zgorzelec ist der seit 1945 polnische, ehemalige Teil von Görlitz jenseits der Neiße. Beide Städte arbeiten seit Jahren in zahlreichen Bereichen eng zusammen. Der wohl größte Schatz der Europastadt Görlitz/Zgorzelec ist ihr architektonischer Reichtum.
Allein in Görlitz gibt es fast 4.000 denkmalgeschützte Baudenkmale aus 500 Jahren europäischer Baugeschichte. Größtenteils in den vergangenen 20 Jahren aufwändig saniert, finden sich hier Bauten der verschiedensten Epochen – von der Gotik, über die Renaissance bis zur Gründerzeit und dem Jugendstil.
Ein besonderes Erlebnis für die zwei Radtouristen aus dem Taunus war ein Konzert auf der prachtvollen „Sonnenorgel" in der Görlitzer Pfarrkirche Peter & Paul. Dieses Instrument aus dem Jahr 1703 wurde seit 1995 aufwändig unter Berücksichtigung des historischen Prospekts saniert. Diese neue Orgel schöpft ihre Klangfülle und -vielfalt aus 6.085 Pfeifen, 89 Registern, vier Manual- und zwei Pedalklaviaturen. Besonderheiten sind die barocken Spielzüge, z. B. mit Vogelstimmen (Nachtigall, Kuckuck und Lerche).
Auf dem Wegnach Bad Muskau, 84 Kilometer durch sorbisches Siedlungsgebiet, erinnern im Luftfahrtmuseum Rothenburg Militärmaschinen und Hubschrauber von Bundeswehr und NVA an überwundene Feindbilder und Kalter-Krieg-Zeiten.
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