Interview: Wie gut funktioniert das Fahrradparken an Sachsens Bahnhöfen?
Wie steht es um das Fahrradparken an Sachsens Bahnhöfen? Der ADFC hat alle Stationen im Land analysiert. Im Interview sprechen wir mit Janek Mücksch über Mängel, positive Vorzeigebahnhöfe und die Forderungen an die Politik für sicheres Pendeln.

Fahrraddiebstahl ist seit Jahren ein großes Thema. Viele Pendler sorgen sich vor Vandalismus und Diebstahl, wenn sie ihr Rad am Bahnhof abstellen. Welche Rolle spielen überdachte und verschließbare Fahrradboxen oder Fahrradparkhäuser in der Vision des ADFC für Sachsen?
Diebstahlsichere Abstellanlagen sind ein kleiner, aber wichtiger Baustein von modernen Wegeketten. Wir stellen uns die Frage: Wie sind die Menschen mobil, was ist für sie die praktischste Möglichkeit zu pendeln? Und das ist ganz vielschichtig und es gibt ganz unterschiedliche Möglichkeiten wie Leute von A nach B kommen. Aber eine Variante bei Pendelwegen ist das Pendeln mit Bahn und Rad. Und wenn ich Bahn und Rad kombinieren will, sind diebstahlsichere Abstellanlagen einfach unabdingbar. Allein schon aus der Perspektive des Diebstahlschutzes: Ich möchte nicht, während ich auf Arbeit bin Angst haben, dass mein Rad am Bahnhof geklaut wird.
Der ADFC Sachsen hat alle 511 Bahnhöfe in Sachsen besucht. Das ist eine gigantische Aufgabe. Was war der Auslöser dieses Projekts?
Der ganz praktische Auslöser war, dass wir auf dem Weg waren zu einem ADFC-Aktiventreffen mit dem Zug und aus dem Fenster geschaut haben und gesehen haben, dass an sehr vielen Bahnhöfen keine Fahrradabstellanlagen vorhanden sind, aber Fahrräder irgendwo wild angeschlossen wurden. Und daraus entstand sehr schnell die Idee, überhaupt erstmal den Status Quo aufzunehmen und zu gucken, was es an Sachsens Bahnhöfen eigentlich bereits gibt und wie es um die Qualität und Quantität des Fahrradparkens in Sachsen bestellt ist. Ja, das ist auf jeden Fall eine gigantische Aufgabe, aber am Ende gut machbar, wenn man wie der ADFC ein Mitmachverein ist. Viele unserer Mitglieder wollen sich ja einbringen und mit diesem Projekt war das sehr niedrigschwellig möglich. Teilweise haben Mitglieder die Abstellmöglichkeiten auf dem Weg zur Arbeit dokumentiert oder auf ihren Fahrradtouren durch Sachsen.
Mitmachverein – was bedeutet das ganz praktisch? Wie hat der ADFC dieses Projekt praktisch organisiert?
Ganz praktisch haben wir unsere 10.000 Mitglieder, die in Sachsen ja im ganzen Land verteilt leben gefragt, ob sie einmal die Abstellanlagen dokumentieren können, zum Beispiel auf dem Weg zur Arbeit oder bei einer Fahrradtour. Wir haben ihnen dazu eine kleine Anweisung gegeben, nach welchem Schema zu zählen ist und wie die Abstellanlagen kategorisiert werden sollen. Wir haben sie außerdem gebeten, alles fotografisch zu dokumentieren, so dass sich überprüfen lässt, ob die Daten stimmen.
Hattest du oder der ADFC insgesamt eine Erwartung, mit der du in dieses Projekt gestartet bist? Und hat sich diese Erwartung bestätigt, falls es eine gab? Oder gab es Unterschiede zu dieser Erwartung?
Gute Frage! Wir haben die Studie ja 2019 schon einmal durchgeführt. Und die Erhebung 2025 war gewissermaßen die Wiederholung dieser Studie. Meine Erwartung war schon, dass sich seitdem sehr viel verbessert hat, weil es damals auch eine große Resoonanz in den Medien gegeben hat. Und ich muss sagen, diese Erwartung hat sich in Teilen auch bestätigt. Wir haben insbesondere bei sehr hochwertigen Fahrradabstellanlagen einen großen qualitativen Sprung, also bei verschließbaren Fahrradboxen und Sammelschließanlagen. Da ist meine Erwartung eigentlich übertroffen worden. Gleichzeitig ist dieser Sprung in der Breite und der Menge noch nicht geschafft, so wie wir es eigentlich für nötig halten.
Das heißt, es lohnt sich weiter Druck zu machen und weiter dran zu bleiben. Es ist nicht ein Thema was man als erledigt betrachten kann?
Absolut! Ein Drittel der Bahnhöfe in Sachsen hat gar keine Fahrradabstellanlagen und bei weiteren 18 Prozent sind sie äußerst mangelhaft. An der überwiegenden Anzahl der Bahnhöfe ist immer noch wirklich viel zu tun und es ist wirklich noch ein großes ungenutztes Potenzial da.
Welche gravierenden Mängel bei Qualität und Sicherheit sind den Ehrenamtlichen vor Ort am häufigsten begegnet?
Der häufigste Mangel besteht schon darin, dass am Bahnhof gar keine Abstellmöglichkeiten vorhanden sind. Was es natürlich auch gibt, sind die sogenannten Felgenkiller, wo man nur das Vorderrad anschließen kann. Und ehrlich gesagt braucht man nicht übertrieben viel kriminelle Energie, um aus so einem Fahrradständer ein Rad zu klauen, wenn man das möchte. Das ist schon das größte Problem. Hinzu kommen dann auch noch weitere Themen: Die Fahrradständer sind vermüllt oder sie sind von Vandalismus betroffen. Ganz häufig haben wir auch zugewucherte Abstellanlagen, die einfach nicht mehr nutzbar sind, weil ein Strauch hineinragt oder Ähnliches.
Gibt es Muster oder deutliche Unterschiede, zum Beispiel zwischen den Großstädten und dem ländlichen Raum oder andere auffällige Muster die die Studie des ADFC herausgearbeitet hat?
Wirklich spannend finde ich, dass die Fahrradabstellanlagen in den Mittelzentren im Durchschnitt am besten sind. In den Großstädten und in den ganz kleinen Gemeinden sind sie dagegen durchschnittlich wesentlich schlechter.
Gibt es bestimmte „Vorzeigebahnhöfe“ in Sachsen, wo man sagen würde, dort ist es schon eigentlich ziemlich perfekt, daran können sich auch andere Kommunen ein Beispiel dran nehmen?
Die gibt es! Wir haben insgesamt 17 Bahnhöfe mit der Bestnote 1 bewertet. Da sticht Torgau definitiv heraus. Aus diesem Grund hat Torgau in diesem Jahr auch den Sächsischen Fahrradpreis erhalten. Das liegt einfach daran, dass der Bahnhof sehr schöne verschließbare Abstellanlagen hat, auch sehr gute überdachte Fahrradparker in unmittelbarer Nähe zum Bahnsteig. Das ist wirklich ein Vorzeigebahnhof. Vielleicht würde ich an dieser Stelle auch einmal den Bahnhof in Oschatz positiv hervorheben. Hier gibt es schon seit über 20 Jahren ein Fahrradparkhaus, was wirklich auch gut genutzt wird und gern genutzt wird zu einem guten und akzeptablen Preis. In Oschatz gibt es wirklich schon eine lange Tradition des Fahrradparkens am Bahnhof in hoher Qualität.
Und anders herum gefragt: Wo wäre in Sachsen der der akuteste und dringendste Handlungsbedarf?
Das kann man so gar nicht sagen, weil es alle 173 Bahnhöfe mit Note 6 betrifft. Die brauchen alle erst einmal überhaupt Fahrradabstellanlagen. Das würde ich wirklich ganz klar so sagen: Es gibt dort keine Ausnahme.
Was fordert der ADFC Sachsen konkret von der Politik, der Bahn, den Zweckverbänden und vielleicht auch den Kommunen, damit das Rad reibungslos zum Zug kommt?
In erster Linie ist es Aufgabe der Kommunen, dafür zu sorgen, dass Fahrradabstellanlagen an einen Bahnhof kommen. Und jetzt muss man aber sagen: Bike&Ride ist wirklich eine günstige Möglichkeit, um etwas zu bewegen. Einen Autoparkplatz zu bauen ist viel viel teurer. Die erste Verantwortung würde ich daher bei den Kommunen sehen. Weitere Verantwortung hat natürlich auch die Politik auf Landes- und Bundesebene, in der Form, dass Bike&Ride finanziell unterstützt werden muss. Auch wenn der Bau von Abstellanlagen erstmal nicht sehr teuer ist, sind die Kommunen auf finanzielle Unterstützung angewiesen, gerade jetzt in diesen Zeiten. Das funktioniert momentan mit der Bike&Ride-Offensive der Deutschen Bahn und des Bundesumweltministeriums sehr gut. Wichtig ist, dass diese Förderung auch fortgesetzt und verstetigt wird.
Was ist aus Sicht des ADFC ansonsten noch nötig, damit Bike&Ride in Sachsen wirklich flächendeckend eine attraktive Alternative für den täglichen Pendelverkehr wird in jeder Stadt und an jedem Bahnhof?
Es muss an jedem Bahnhof sichere und attraktive Abstellmöglichkeiten geben. Der ADFC fordert, dass an jedem Bahnhof für jeden siebenten Fahrgast ein sicherer, überdachter und gut beleuchteter Abstellplatz für sein Fahrrad vorhanden ist. Und bei Bahnhöfen, die eine gewisse Größe und ein gewisses Pendelaufkommen und vielleicht auch einen größeren Einzugsradius haben, brauchen wir ganz klar Fahrradboxen oder andere gesicherte Abstellmöglichkeiten. Denn heutzutage kosten Fahrräder ja oft erhebliche vierstellige Summen. Und so ein Fahrrad kann man natürlich nicht mit gutem Gefühl an irgendeinem Zaun anschließen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Dr. Janek Mücksch ist Vorsitzender des ADFC Sachsen e.V.

